Der Mordfall Yangjie Li

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Vielleicht liegt es daran, dass sie die feingliedrigen Werkzeuge etwas komisch hält, mit angezogenen Armen, als sei die Tischkante zu hoch. Sie wirkt wie ein Mädchen, mit einem schüchternen Lächeln und einem neugierigen, fragenden Blick. Aber Yangjie Li ist eine erwachsene Frau. Und mit diesem Foto der Unschuld wird die 25-jährige Studentin im Mai 2016 erst gesucht, ehe mit dem Foto an sie erinnert wird. Yangjie Li verschwindet am Abend des 11. Mai spurlos. Zwei Tage später wird sie ermordet aufgefunden, nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt.

Getötete Studentin Yangjie Li.
Die Studentin Yangjie Li verschwindet am Abend des 11. Mai spurlos – zwei Tage später wird sie ermordet aufgefunden. (Foto: privat)

Dieses Foto ist das eine, das helle Ende dieser Geschichte. Von dem dunklen Ende gibt es kein Foto, zumindest kein öffentliches. Und eigentlich mag man sich davon auch kein Bild machen: Wie dieses junge Leben endete, nach einer unvorstellbaren Orgie der Gewalt. Yangjie Li verschwindet am Abend des 11. Mai spurlos – zwei Tage später wird sie ermordet aufgefunden, nur wenige Meter von dem Studentenwohnheim entfernt, in dem sie lebt.

Der Tod der chinesischen Studentin hat weit über Dessau-Roßlau und die Region hinaus die Menschen bewegt. Jetzt wird ihren mutmaßlichen Mördern der Prozess gemacht. Das Landgericht Dessau muss sich ein eigenes Bild machen: Um die Wahrheit zu finden und die Gerechtigkeit in einem der Aufsehen erregendsten Kriminalfälle in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren.

Das Verschwinden

Der Fall Yangjie, ihr Fall, beginnt klein und harmlos. Es ist Mittwoch, der 11. Mai: Yangjie Li will an dem milden Frühlingsabend gegen 20.30 Uhr noch Laufen gehen. Sie macht das regelmäßig. Jeweils anderthalb Stunden lang, fast jeden Tag. Auch an diesem Abend zieht sie die schwarzen Turnschuhe an, eine schwarze Hose,  ein weiß-graues Oberteil. Eine zierliche Frau in unauffälliger Kleidung.

Ihre übliche Strecke führt von der Wohnung in der Johannisstraße durch die Hausmannstraße in Richtung Friedensplatz und Anhaltisches Theater.  Eine überschaubare Strecke. Doch Yangjie Li kehrt nicht zurück. Ihre Spur verliert sich am Mittwoch um 21.40 Uhr. Da loggt sich ihr Handy aus dem Funknetz aus, in der Nähe ihrer Wohngemeinschaft. Heute weiß man: Es muss nicht ihr letztes Lebenszeichen gewesen sein. Es ist gut möglich, dass ihr Mörder nach vollbrachter Tat das Gerät ausschaltete, um Spuren zu verwischen.

Freunde machen sich bald Sorgen. Donnerstagmittag wird die Polizei alarmiert. Die Beamten nehmen das Verschwinden der Frau sofort ernst und starten eine groß angelegte Suchaktion, weit über die Joggingstrecke hinaus. Mit einem Hubschrauber, der per Wärmbildkamera die Mulde absucht. Mit einem speziellen Mantrailer-Hund. Eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei rückt an. Doch der Großeinsatz bringt: nichts.

Der Fund der Leiche

Am Freitag, den 13. Mai, wird die halbe Innenstadt großflächig abgesucht. Gefunden wird Yangjie Li gegen 11.10 Uhr, etwa 39 Stunden nachdem sie joggen gegangen war – nur  einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt und, wie sich später herausstellt, nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Luftlinie sind es auch nur 300 Meter bis zum Polizeirevier.

Der Fundort ist in der Hausmannstraße, am Rande eines kleinen Stellplatzes,  neben einem Plattenbau und schräg gegenüber eines Seniorenheims. In einem Gebüsch hinter einem Dixiklo, das Bauarbeiter  nutzen. 7 500 Kilometer von ihrer chinesischen Heimat entfernt, die die junge Frau verlassen hatte, weil man in Dessau doch so gut und sicher und auf englisch studieren kann, endet die Suche mit der traurigen Gewissheit: Yangjie Li ist tot.

Bereitschaftspolizisten haben die teilweise unbekleidete Leiche gefunden. Die Behörden halten sich erst bedeckt. Schnell wird klar: Das schüchtern blickende Mädchen von dem Foto ließ ihr Leben unter Qualen. In der empathiefreien Sprache der Bürokraten heißt das so: Ihr geschändeter Körper weist „Spuren  stumpfer Gewalt“ auf. Tatsächlich kann Yangjie Li zunächst nicht identifiziert werden. Die Verletzungen am Kopf und vor allem im Gesicht sind zu schwer.

Die Ermittlungen

Die Chancen des oder der Täter, davonzukommen,  stehen schlecht. Zwischen 2006 und 2015 wurden in Sachsen-Anhalt insgesamt 79 Frauen und Männer ermordet – die Aufklärungsquote: über 89 Prozent. Und fast alle Sexualmorde werden in Sachsen-Anhalt aufgeklärt. Neun Fälle gab es seit 2006  – allein der Tod von Mariya N. ist bisher ungesühnt. 2014 ist die bulgarische Studentin in Halle  missbraucht und ermordet worden – auch sie kam von einer Joggingrunde nicht wieder. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen trotz der Parallelen bis heute nicht von einem Zusammenhang mit dem Tod Yangjie Lis aus.

Weitere Informationen zu Verbrechen in Sachsen-Anhalt: Kriminalitäts- Atlas 2015

Ab dem 13. Mai, ab dem Fund der Leiche, laufen die Ermittlungen in Dessau auf Hochtouren. Es wird die Ermittlungsgruppe „Anhalt“ gebildet. Die Beamten suchen zunächst in Yangjie Lis direktem Umfeld nach Zeugen und Tatverdächtigen, befragen Freunde, Kommilitonen der Hochschule Anhalt und Anwohner.

Yangjie Lis Mobiltelefon, ihre Schlüssel und ihre Hose fehlen. Auf dem Dessauer Scherbelberg, einst größter Müll- und Schuttabladeplatz der Stadt, suchen deshalb dutzende Polizisten in altem Müll mit Stangen und Rechen,  mit Kameras und Spezialgerät nach den Sachen. Vergeblich.

  • Am 13. Mai finden Bereitschaftspolizisten eine Frauenleiche in der Hausmannstraße. (Foto: Lutz Sebastian)

Sechs Stunden lang wird Yangjie Lis Leiche obduziert. Danach ist nicht nur klar, dass die Architekturstudentin schwer misshandelt und missbraucht wurde. Es gibt auch Spuren: Sperma und andere Körperflüssigkeiten. Gut zehn Tage nach dem Verbrechen wird das durch einen MZ-Bericht bekannt. Ein Spezialrechner beim Bundeskriminalamt analysiert die DNA-Spur. Schnell kann zumindest eine Übereinstimmung mit der Spur im Fall Mariya N. ausgeschlossen werden.

Der sogenannte genetische Fingerabdruck ist High-Tech-Kriminalistik. Die DNA macht Menschen unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Allerdings gilt der genetische Fingerabdruck allein vor Gericht noch nicht als Beweis, nur als Indiz – weitere müssen hinzukommen, um über Schuld oder Unschuld entscheiden zu können.

Falsche DNA-Spuren

Immer wieder kommt es zu falschen Schlüssen bei DNA-Spuren. Zuletzt war fälschlicherweise der tote Rechtsterrorist Uwe Böhnhardt in Verdacht geraten, mit dem Tod der kleinen Peggy zu tun gehabt zu haben. Bis herauskam, dass sein gentischer Fingerabdruck durch einen verunreinigten Meterstab der ermittelnden Tatortgruppe übertragen worden ist.

Im Fall Yangjie Li wird es nicht nötig, dass der BKA-Spezialrechner Ergebnisse liefert. Nach dem MZ-Bericht über die DNA-Spur meldet sich am Montag, 23. Mai,  Sebastian F. bei der Polizei in der Kühnauer Straße und berichtet freiwillig, dass die DNA an Yangjie Li von ihm stammt. Allerdings gesteht der junge Mann kein Verbrechen. Vielmehr gibt der damals 20-Jährige an, dass seine Verlobte Xenia I. und  er sich am Abend vor Yangjie Lis Verschwinden mit ihr getroffen hätten: für Sex zu dritt. Deshalb sei seine DNA gefunden worden. Yangjie Li habe aber wohlbehalten  die Wohnung des Paares verlassen.

Die Angaben von F. und die der Verlobten decken sich laut Ermittlern  grob, aber nicht in Details. Die Wohnung des Pärchens in der Johannisstraße wird durchsucht, auch eine leerstehende im Hinterhaus. Dort werden Blut „und andere Anhaftungen“ gefunden, so die Staatsanwaltschaft.  Die leere Wohnung könnte deshalb der Tatort gewesen sein. Sie grenzt direkt an den Fundort Yangjie Lis: Die Tatverdächtigen könnten die tote oder sterbende Yangjie Li einfach aus dem Fenster geworfen haben.

Die Version vom Sex zu Dritt wird von den Ermittlern schnell bezweifelt. Zeugen geben an, Yangjie Li habe sich am Vorabend ihres Verschwindens ganz woanders aufgehalten.  Die Aussage von Sebastian F. ist nicht stimmig.

Die Festnahme

Das tatverdächtige Pärchen wird noch am Montag in U-Haft genommen. Der leitende Staatsanwalt Folker Bittmann gibt in Dessau eine denkwürdige Pressekonferenz. Im Garten der Staatsanwaltschaft spricht Bittmann zu den zahlreichen Journalisten. In getragenem, ernstem Ton bedauert er, wie der „Respekt vor dem Anderen“ in der Gesellschaft verloren gehe.

Doch  Bittmann redet in seiner länglichen Einleitung noch gar nicht vom Mord an Yangjie Li – sondern von einer Untat, die ein Journalist bei einer letzten Pressekonferenz an den Sanitäranlagen der Staatsanwaltschaft begangen haben soll. Deshalb treffe man sich unter freiem Himmel. Eine bizarre Fehlleistung. Die Eltern von Yangjie Li sehen ihre Tochter nach der Pressekonferenz noch aus einem anderen Grunde  entehrt: Weil der Staatsanwalt einfach die Tatverdächtigen-Version vom Sex zu Dritt veröffentlichte, obwohl es viele Indizien gab, dass diese nicht stimmt.

Und Bittmann erwähnt etwas nicht, was in der Folge in der verunsicherten Stadt noch mehr Unruhe auslöst: Sebastian F. ist Polizistensohn. Seine Mutter, die ihm zur Aussage bei ihren Kollegen riet, hat sogar bei den Ermittlungen geholfen. Und sein Stiefvater ist Revierleiter in Dessau sowie Kommunalpolitiker.

Es kommen ungeheure Verdächtigungen auf, weil der Stiefvater  kurz nach der Tat dem Stiefsohn und seiner Freundin beim Umzug aus der betreffenden Wohnung geholfen hat. Wurden dabei Spuren verwischt? Und: Kannte seine Mutter den Ermittlungsstand, hatte sie ihren Sohn für seine Aussage bei den Kollegen vorbereitet? Die Mutter und der Stiefvater des Tatverdächtigen weisen in einem Interview mit der MZ ein paar Tage später sämtliche Manipulationsvorwürfe zurück.

Die Tatverdächtigen

Ein Zufall und eine unheimliche Parallele: Sowohl Yangjie Li als auch ihr mutmaßlicher Mörder Sebastian F. sind Polizisten-Kinder. Die Mutter des Tatverdächtigen arbeitet beim Kriminaldienst, sein Stiefvater ist nicht weniger als der Polizeichef von Dessau, er leitet das örtliche Revier. Ramona und Jörg S. erzählen im Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung die entscheidenden Tage aus ihrer Perspektive.

Ramona S: „Er hat überhaupt nicht mit mir gesprochen. Am Abend vor dem Termin in der Polizeidirektion, also am Sonntag, 22. Mai, erhielt ich gegen 20.30 Uhr einen Anruf von seiner Verlobten. Sie berichtete, dass der Umzug jetzt fast erledigt ist. Sie rief vom Handy meines Sohnes an und sagte plötzlich: Wir wollten sowieso mal mit dir reden. Sie tischte mir dann eine abenteuerliche Story auf, die sich einen Tag vor dem Todestag von Yangjie Li angeblich zugetragen haben soll. Ich musste mich sammeln und legte erst mal auf. Zehn Minuten später rief ich an. Wieder war aber nicht mein Sohn am Handy, er hat nicht mit mir gesprochen. Ich bestellte ihm, dass ich erwarte, dass er am nächsten Tag seinen Termin in der Polizeidirektion wahrnehmen soll und seine Geschichte den Ermittlern vortragen muss.“ Die Mutter kann sich „mit keiner Silbe“ vorstellen, dass ihr Sohn die ungeheure Tat begangen haben soll.

Tatverdächtige
Die Tatverdächtigen im Mordfall Yangjie Li. (Foto: privat)

Er: Kurze Haare, Jungsgesicht mit leicht melancholischem Blick. Sie: Rundlich-fröhliches Gesicht, gefärbte Haare. Auf Fotos sehen die beiden, die Yangjie Li unter Vortäuschung einer Notsituation in ihre Wohnung gelockt, sie missbraucht und durch „stumpfe Gewalt“ tödlich verletzt und dann achtlos, wie ein Ding, einfach aus dem Fenster geworfen haben sollen – dieses junge Paar sieht auf Fotos aus  wie viele andere. Normal, durchschnittlich, harmlos. Schnell wird aber klar, dass hinter dieser Fassade unabhängig davon, ob sie die Täter sind oder nicht, einiges nicht normal ist.

Xenia I. ist bereits Mutter, sie hat zwei kleine Jungs, sie sind erst zwei und drei Jahre alt. Xenia wurde nach Angaben ihrer Mutter als Zwölfjährige sexuell missbraucht, von ihrem Stiefvater. Gewalt soll ihr von daher zuwider und Sebastian F. der dominante, der bestimmende Teil dieses Paares sein.

Ihr Verlobter ist indes, obschon Polizistensohn, bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Vor Jahren soll er einen Jungen aus seinem familiären Umfeld sexuell missbraucht haben – Sebastian F. war aber noch keine 14 und damit nicht strafmündig. Außerdem soll gegen ihn bereits wegen Beleidigungen, Körperverletzungen, Diebstählen und Brandstiftungen ermittelt worden sein. Und: Im Zuge der Ermittlungen stoßen die Polizisten auf eine Bekannte Sebastians.  Er soll sie 2013 zwei Mal vergewaltigt und so bedroht haben, dass sie aus Angst die Tat verschwieg.

War Sebastian F. also fähig, Yangjie Li derart zu misshandeln? Und, wenn ja, wie passt die Verlobte da hinein? Warum beteiligt sich eine junge Mutter an einer solchen Untat?

Die Trauer

Wichtige Fragen, die nicht nur für die strafrechtliche Aufarbeitung von Belang sind. Auch zur Aufarbeitung. Familie, Freunde, ja eine ganze Stadt versucht das Unfassbare zu fassen: Warum musste Yangjie Li sterben?

„Dass dies mitten in der Stadt, mitten unter uns, möglich war, ist zutiefst erschütternd und auch beängstigend“, sagt Dessaus Oberbürgermeister Peter Kuras am 19. Mai bei der offiziellen Trauerfeier. Dessau, diese kleine große Stadt, wo viele sich kennen, erst recht unter den Studenten, steht wochenlang unter Schock. „Es ist als sei mein eigenes Kind gestorben“, sagt eine Nachbarin Yangjie Lis.

Das Unfassbare zu fassen gelingt nur schrittweise: Ihre Laufrunde wurde zu Yangjie Lis Verderben, ihre Freunde und Kommilitonen trauern nun genau so: Mit einem Gedenklauf vom Stadtpark zum Hochschulgebäude.

Yangjie Li war aus der ostchinesischen Provinz Henan nach Dessau gekommen.In China hatte sie bereits fünf Jahre studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen. Im Juli hätte sie ihr Master-Diplom in der Tasche gehabt. Mit dem weltberühmten Bauhaus als Ausbildungsort hätte die  intelligente und  freundliche Li wohl eine verheißungsvolle Zukunft in einem guten Architekturbüro gehabt.

Fragen im Mordfall Yangjie Li
Fragen im Mordfall Yangjie Li (Foto: Steffen Brachert)

Ist Dessau noch sicher? Diese Ängste bestehen nun vor allem unter ausländischen Studierenden. Eine Studentin aus Indien verlässt ihr Zimmer nicht mehr aus Angst. Chinesische Medien berichten über die Stadt in Anhalt als No-Go-Area, warnen vor Fremdenfeindlichkeit, eine Handvoll chinesischer Studenten zieht ihre Bewerbung für Dessau zurück. Die Hochschule tut, was sie kann, ein Psychologe wird eingesetzt, Abgabefristen für Arbeiten gelockert. Aber die Erschütterung bleibt, vor allem in der Gemeinschaft der Chinesen an der Hochschule.

Die Eltern von Yangjie Li kommen nach Dessau und werden in den schwierigen Tagen von der Hochschule betreut. Ein Spendenkonto wird eingerichtet, inititiert von den Kirchen der Stadt und Stadtratspräsident Lothar Ehm. 27 000 Euro kommen zusammen. Yangjie Lis Kommilitonen trauern sieben mal sieben Tage, eine chinesische Tradition. Nach 49 Tagen trifft man sich auf dem Marktplatz – und erinnert noch einmal öffentlich an Yangjie Li. Ein Katalog offener Fragen wird verlesen – viele sind bis heute nicht beantwortet.

Die Folgen

Unabhängig vom Prozess hatte der Mord an Yangjie Li bereits Konsequenzen: Für Mutter und Stiefvater des Tatverdächtigen Sebastian F. Beide wurden zunächst suspendiert, der Stiefvater dann nach Aschersleben versetzt. Keine Sippenhaft, sondern gegen die beiden waren schnell Vorwürfe laut geworden: War die Mutter derart in die Ermittlungen eingemischt, dass sie ihren Sohn warnen konnte? Hat sie ihn für die Aussage bei ihren Kollegen vorbereitet? Der Stiefvater war kurz nach der Tat beim Umzug des tatverdächtigen Duos in eine andere Wohnung dabei – half er etwa, Spuren zu verwischen?

Im Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung bemühten sich die Eltern, die Vorwürfe zu entkräften. Stiefvater Jörg S. räumt ein, beim Umzug geholfen zu haben. Er sei aber gar nicht in der Wohnung gewesen,  „weil ich ahnte, wie unordentlich die aussieht“. Er habe nur den Wagen gefahren.

An jenem Tag sind die Eltern von Yangjie Li auch dem Mann begegnet, der nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ihre Tochter auf dem Gewissen hat. Jörg S.: „Die Eltern waren an jenem Samstag an dem Trauerort in der Hausmannstraße und sind dann zur Wohnung in der Johannisstraße gelaufen. Vor dem Haus meines Stiefsohns sind wir aufeinander getroffen. Mein Stiefsohn stand im Hausdurchgang und ich bat ihn, ein Stück nach hinten zu treten, um die Familie durchzulassen. Auch in dieser Situation war bei ihm nichts zu erkennen, was mich hätte stutzig werden lassen.“

Gartenlokal Jörg S.
Das Gartenlokal von Jörg und Ramona S. Einen Tag nach der offiziellen Trauerfeier eröffnen die Mutter und der Stiefvater des mutmaßlichen Mörders von Yangjie Li die Kneipe.

Die Mutter Ramona S. half bei der Ermittlungen. Sie soll Anwohner befragt haben. Dass ihr Sohn befragt werden würde, war ihr klar: „Am Donnerstag vor dem Umzug hatte ich ein Gespräch mit dem Leiter der Mordkommission. Er hatte mich informiert, dass mein Sohn routinemäßig vorgeladen ist – wie jeder unmittelbare Anwohner auch.“ Sie habe bei den Ermittlungen aber weder Zugang zu Akten, noch zu Asservaten und Spuren gehabt. Ramona S. räumte aber ein, in früheren Fällen die Interessen ihre Sohnes vertreten zu haben. Als ihm  einige Brandstiftungen vorgeworfen worden waren, habe er in einigen Fällen „ein handfestes Alibi“ gehabt. Dass ihm diese Fälle angehängt werden sollten, dagegen habe sie sich zur Wehr gesetzt.  „In allen anderen Fällen habe ich mich nicht eingemischt“, so Ramona S.

Anlass für ein disziplinarisches Vorgehen gegen die Eltern ist schließlich etwas anderes. Drei Wochen nach dem Mord an Yangjie Li, den immerhin ihr Sohn begangen haben soll, und einen Tag nach der Trauerfeier für die Chinesin eröffnet Ramona S. mit viel Tamtam ein Gartenlokal. Sie verteilt Sektgläser, ihr  Mann hilft hinter dem Tresen aus. Beide sind eigentlich krankgeschrieben.

Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) nennt die Eröffnungssause im Gartenlokal „Freundschaft“ ein „fatales Signal“. „Der Revierleiter wird damit dem moralischen Anspruch und der Vorbildfunktion als Führungskraft in der Polizei nicht gerecht“, so der Innenminister. Er suspendiert den Polizeichef und versetzt ihn nach Aschersleben. Das kassiert allerdings später ein Gericht als unangemessen – aus formalen Gründen, nicht aus moralischen: Der Innenminister habe nicht hinreichend erwogen, ob nicht doch eine Umsetzung innerhalb der Polizeidirektion Ost möglich gewesen wäre.

DER PROZESS

Nach monatelanger akribischer Vorbereitung beginnt der Prozess wegen gemeinschaftlichen Mordes und Vergewaltigung am 25. November 2016. Unter Blitzlichtgewitter werden die beiden 21-jährigen Tatverdächtigen Sebastian F. und Xenia I. in den Saal 118 des Landesgerichts geführt – beide verbergen ihre Gesichter hinter Aktenordnern.

Schon während des Verlesens der Anklageschrift werden erste grausame Details der Tat bekannt. So soll Yangjie Li ein wahres Martyrium durchlebt haben: Eine Stunde lang sollen Sebastian F. seine Freundin Xenia I. die chinesische Studentin brutal gequält und vergewaltigt haben, bevor sie die geschundene Frau versteckten.

Auch ein mögliches Motiv nennt die Staatsanwaltschaft: Sie geht davon aus, dass Sebastian F. seine Freundin Xenia I. massiv unter Druck gesetzt hat, um ihm neue sexuelle Befriedigung zu verschaffen.

Viele weitere Details zur Tatnacht und den Verdächtigen werden erst im Laufe des Prozesses bekannt, den die MZ auch weiterhin begleitet und dokumentiert.

  • richter,hugo

    Herr Fuchs woher wissen Sie das es bei der Polizei rechte rassistische Polizisten gibt.damit beleidigen auch meine Person ich wahr bis September 2011 Polizist.Leider musste ich wegen Krankheit diesen Beruf aufgeben.

  • richter,hugo

    Woher haben Sie die Weisheit,dass bei der Polizei rechte rassistische Polizisten gibt. Das möchte ich gerne wissen Herr Fuchs!

  • Elsie

    Beide haben brutal, sadistisch und ohne Gewissen gemordet.
    Ich hoffe inständig, daß auch der Tod des gemeinsamen Kindes zur Sprache kommt.
    Auch hier bestand der Verdacht auf eine unnatürliche Todesursache.
    Beide sollten nie mehr in die Gesellschaft zurück. Sicherheitsverwahrung ist die einzige Option.

  • Elsie

    Die Mutter des Angeklagten hat beim besagten Interview ähnlich professionell gelogen wie ihr Sohn.
    Irgendwann kommt die Wahrheit immer ans Licht.

    Es bleibt die Frage nach den Konsequenzen.
    Moralisch sind solche Beamten für den Polizeidienst nicht tragbar.

    Was ihren Gatten angeht, an seiner Stelle würde ich den Tag verfluchen, an dem ich diese Menschen zur „Familie“ gemacht hätte.